Inhalt
1. PIR und PUR: Gemeinsamkeiten
PIR (Polyisocyanurat) und PUR-Hartschaum (Polyurethan) sind geschlossenzellige Hartschäume, die durch die Reaktion eines Polyols mit einem Isocyanat (in der Regel polymeres MDI) entstehen. Beide sind der vorherrschende Dämmkern in Sandwichelementen mit Metalldeckschichten für Kühlhäuser, Gebäudehüllen und Dächer. Beide erreichen eine niedrige Wärmeleitfähigkeit, weil in den geschlossenen Zellen ein Treibmittelgas mit geringer Wärmeleitfähigkeit eingeschlossen bleibt.
Die Unterschiede ergeben sich daraus, wie die Chemie ausbalanciert ist, und diese kleinen Unterschiede führen auf Paneelebene zu deutlich verschiedenem Brandverhalten und Wärmedämmverhalten.
2. Chemie: der Unterschied beim Isocyanatindex
Beide Systeme basieren auf Polyol und Isocyanat. Die entscheidende Größe ist der Isocyanatindex, das Verhältnis von Isocyanatgruppen zu Hydroxylgruppen in der Formulierung:
- PUR: Der Isocyanatindex liegt in der Regel nahe am stöchiometrischen Verhältnis (ca. 100 bis 120). Alle Isocyanatgruppen reagieren mit den Hydroxylgruppen des Polyols zu Urethanbindungen. Das Polymer ist ein Urethannetzwerk.
- PIR: Der Isocyanatindex ist deutlich höher (typischerweise 180 bis 350+). Bei einem Isocyanatüberschuss trimerisieren die überschüssigen Gruppen in Gegenwart von Trimerisierungskatalysatoren zu thermisch stabilen Isocyanuratringen. Das Polymer ist ein Hybrid aus Urethan und Isocyanurat.
Isocyanuratringe sind aromatisch und thermisch hoch stabil. Diese eine Änderung in der Chemie verleiht PIR sein überlegenes Brandverhalten.
3. Wärmedämmung
Die branchenüblichen Bereiche der Wärmeleitfähigkeit (Lambdawerte, λ) sind unten als allgemeine Richtwerte angegeben; die tatsächliche Leistung hängt von der konkreten Formulierung, dem Treibmittel, der Rohdichte und der Paneeldicke ab:
- PUR-Hartschaum: typische Wärmeleitfähigkeit λ im Bereich von 0,022 bis 0,028 W/(m·K), je nach Formulierung und Treibmittel.
- PIR: typische Wärmeleitfähigkeit λ im Bereich von 0,022 bis 0,027 W/(m·K). Beim Langzeitwert nach Alterung häufig etwas besser als PUR, weil PIR der Gasdiffusion bei erhöhten Temperaturen besser widersteht.
In der Praxis überlappen sich PIR und leistungsfähiger PUR-Hartschaum bei der anfänglichen Wärmeleitfähigkeit weitgehend. Der Vorteil von PIR zeigt sich bei der Langzeitleistung nach Alterung und bei erhöhten Betriebstemperaturen: Dank seiner höheren thermischen Stabilität widersteht es der Gasdiffusion und der Schädigung der Zellwände, die den Lambdawert von PUR über die Nutzungsdauer allmählich ansteigen lassen.
4. Brandverhalten
Beim Brandverhalten gehen PIR und PUR am deutlichsten auseinander. Die aromatischen Isocyanuratringe im PIR sorgen für eine höhere thermische Stabilität und für eine feuerbeständige Verkohlungsschicht, die PUR nicht im gleichen Maß ausbildet.
Vergleichsergebnisse, die in Materials (MDPI, 2026) berichtet werden, zeigen für PIR-Schäume:
- Ca. 50 % geringere maximale Wärmefreisetzungsrate im Vergleich zu PUR.
- Verkohlungsrückstand von ca. 3 Massenprozent auf über 22 Massenprozent gestiegen: Die Verkohlungsschicht schützt das darunterliegende Material vor weiterer Verbrennung.
- Hauptmaximum des thermischen Abbaus um ca. 55 °C nach oben verschoben; PIR widersteht der brandbedingten Zersetzung also länger.
Nach der europäischen Brandklassifizierung (EN 13501-1) können gut formulierte PIR-Paneelsysteme die Klassen B-s2,d0 oder sogar B-s1,d0 erreichen, während viele Standard-PUR-Systeme bei E oder D-s3,d0 liegen. Verlangen Bauvorschriften oder Versicherer eine höhere Brandklasse (Hochhäuser, Kühlhäuser in Industriegebieten, Lebensmittelverarbeitungsbetriebe), ist PIR oft die einzige Variante der PU-Familie, die dafür infrage kommt.
Wichtiger Hinweis: Sowohl PIR-Schäume als auch PUR-Schäume setzen bei der Verbrennung giftige Gase frei (darunter Cyanwasserstoff und CO). Eine bessere Brandklasse betrifft die Entzündungsbeständigkeit und die Flammenausbreitung; die Toxizität der Verbrennungsprodukte beseitigt sie nicht. Der bauliche Brandschutz muss neben der Materialwahl auch Belüftung, Fluchtwege und aktive Löschtechnik berücksichtigen.
5. Unterschiede in der Verarbeitung
Aus Sicht der Paneellinie ist PIR anspruchsvoller zu verarbeiten als PUR:
- Höhere Reaktivität: Der hohe Isocyanatindex und die Trimerisierungskatalysatoren machen die Reaktion von PIR schneller und stärker exotherm. Liniengeschwindigkeit und Temperaturführung gewinnen an Bedeutung.
- Zielkonflikt Sprödigkeit: Stark trimerisiertes PIR ist spröder als PUR. Formulierung und Additivpaket müssen Brandverhalten und Robustheit bei der Handhabung gegeneinander abwägen.
- Haftung: Die Chemie von PIR kann die Haftung auf bestimmten Deckschichten beeinflussen; manche Paneelhersteller betreiben eigene PIR-Linien oder setzen modifizierte Primer ein.
6. Gegenüberstellung
| Eigenschaft | PUR-Hartschaum | PIR |
|---|---|---|
| Isocyanatindex | ca. 100 bis 120 (stöchiometrisch) | ca. 180 bis 350+ (Überschuss) |
| Polymerchemie | Urethannetzwerk | Urethan und Isocyanuratringe |
| Wärmeleitfähigkeit (typischer λ-Wert) | ca. 0,022 bis 0,028 W/(m·K) | ca. 0,022 bis 0,027 W/(m·K) |
| Wärmedämmleistung nach Langzeitalterung | Gut | Besser |
| Brandklasse (typisch, EN 13501-1) | E bis D-s3,d0 | B-s2,d0 bis B-s1,d0 (gut formuliert) |
| Bildung einer Verkohlungsschicht | Begrenzt | Ausgeprägte, schützende Verkohlungsschicht |
| Sprödigkeit | Flexibler | Spröder |
| Verarbeitungsaufwand | Standard | Höher (schnellere Reaktion) |
| Kosten | Niedriger | Höher (mehr Isocyanat, mehr Additive) |
7. Wann welcher Schaum infrage kommt
PUR-Hartschaum vorsehen bei:
- üblichen Kühlhäusern oder gewerblichen Gebäudehüllen, bei denen die Brandklasse E oder D ausreicht.
- Projekten, bei denen die Kosten den Ausschlag geben und die Anwendung keine erhöhten Anforderungen an die Brandklasse auslöst.
- Anwendungen, bei denen die Robustheit der Paneele bei der Handhabung wichtig ist (PUR ist weniger spröde).
PIR vorsehen bei:
- Bauvorschriften oder Versicherern, die die Brandklasse B (oder eine strengere lokale Entsprechung) verlangen.
- Hochhäusern, Krankenhäusern, Lebensmittelverarbeitungsbetrieben oder industriellen Kühlhäusern in regulierten Zonen.
- Anwendungen, bei denen eine lange Nutzungsdauer mit stabiler Wärmedämmleistung entscheidend ist (PIR altert besser).
- einem breiteren Betriebstemperaturbereich (PIR widersteht der thermischen Schädigung besser).
In der Praxis bieten die meisten Paneelhersteller beides an. Die Wahl ist eine projektspezifische Abwägung zwischen Brandklassenanforderung, Wärmedämmziel, Kosten und der vorgesehenen Einsatzumgebung des Paneels.
Ausgewählte Quellen
- Comparative Thermal and Fire Behavior of Rigid Polyurethane (PUR) and Polyisocyanurate (PIR) Foams, Materials (MDPI), 2026
- Polyisocyanurate: chemistry and properties overview
- Determination of the impact of environmental temperature on the thermal conductivity of polyisocyanurate (PIR) foam products, ScienceDirect
- PUR vs PIR, Kingspan technical article